Altglas: Helios-44 - Eine Kopie des Biotar 2/58

Meyer Görlitz Domiplan 50mm f/2.8 Weinglas Bokeh

Altglas: Helios-44 - Eine Kopie des Biotar 2/58

Meyer Görlitz Domiplan 50mm f/2.8 Weinglas Bokeh

Geschichtliche Entwicklung

Nach dem 2. Weltkrieg gelangten die Konstruktionspläne und das Patent des Biotar 2/58 von Carl Zeiss Jena in die Sowjetunion.  Dort beschloss man in den 1950er Jahren, das Biotar nachzubauen.  Zunächst wurde es in Krasnogorsk bei Moskau unter der Bezeichnung BTK (Biotar Krasnogorsk) gebaut.  Schnell ging man zu der Bezeichnung Helios-44 über.  Das Helios-44 START wurde 1958 auf der EXPO in Brüssel mit dem Grand Prix ausgezeichnet.  Dies erscheint mir fragwürdig, da die Berechnung der Optik aus dem Jahr 1936 stammt [1 2 3 4 🔗].  Zunächst baute man das Helios-44 für M39-Anschluss, ging dann aber schnell zum M42-Gewinde über.

Um den enormen Bedarf im Inland und für den Export zu decken, produzierte man das Helios-44 in drei größeren Fabriken: Красногорский механический завод (KMZ) in Krasnogorsk bei Moskau, Белорусское оптико-механическое объединение (BelOMO) in Minsk und Юпитер (Jupiter) in Valdai zwischen Moskau und Leningrad (St. Petersburg).  Weiterhin wurden kleinere Stückzahlen in anderen Fabriken produziert.  Die Exemplare aus Valdai stehen in dem Ruf, von schlechter Qualität zu sein.

Man kann im Wesentlichen zwischen zwei Baureihen unterscheiden: Exemplare mit Vorwahlblende und Exemplare mit Springblende.  Bei den Exemplaren mit Springblende baute man das Helios-44 START, das Helios-44 und das Helios-44-2.  Schließlich brachte BelOMO das Helios-44-3 mit Mehrschichtvergütung heraus.  Die Anzahl der Blendenlamellen wurde in dieser Baureihe schrittweise von 13 auf 8 reduziert.  Das Helios-44-3 ist wegen rechtlicher Probleme nicht in den Export gegangen.  Es ist heute ein begehrtes Sammlerobjekt, da es die einzige Variante mit Mehrschichtvergütung und 8 Blendenlamellen ist.

Anfang der 1970er Jahre begann man mit dem Helios-44M eine Baureihe mit einer Springblende mit zunächst 8 Blendenlamellen.  Schnell brachte man das Helios-44M-4 mit nur noch 6 Blendenlamellen heraus, und ging mit dem MC Helios-44M-4 zur Mehrschichtvergütung über.  In der Endphase baute man in Valdai parallel das MC Helios-44M-5 bis MC Helios-44M-7.  Dabei selektierte man nach der Qualität: minderwertige Exemplare wurden als MC Helios-44M-5, mittelmäßige Exemplare als MC Helios-44M-6 und sehr gute Exemplare als MC Helios-44M-7 verkauft.  Die Produktion endete schließlich 1999.

Darüberhinaus gibt es noch weitere Modelle, z.B. das MC Helios-44-3M mit größeren Abbildungsmaßstab für Behörden, das Helios-44-7 mit Anschluss für die Zenit-7 und Modelle für den Pentax-PK-Anschluss.  2012 wurde sogar noch eine Kleinserie für den Canon-EF-Anschluss gebaut.

Bei dem Erscheinen neuerer Modelle wurden die älteren Modelle oft noch jahrelang weiter produziert.  Von den genannten Modellen existieren oft unzählige Varianten, siehe z.B. [5 6 🔗].

Die Altglasszene und der Gebrauchtmarkt

Das Helios-44 wird in der Altglasszene kontrovers betrachtet.  Bei Einsteigern erfreut es sich wegen seines verwirbelten Bokehs (swirly bokeh) einer sehr großen Beliebtheit und es ist in den letzten Jahren ein regelrechter Hype entstanden, wodurch die Preise deutlich gestiegen sind.  Andererseits kommt laufend reichlich Nachschub aus Nachlässen auf den Gebrauchtmarkt.  Händler aus ehemaligen Sowjetrepubliken verkaufen das Helios-44 mitunter kistenweise an Wiederverkäufer in westlichen Ländern.

In älteren Forenberichten wurde empfohlen, keinesfalls mehr als 20€ auszugeben.  In ehemaligen Sowjetrepubliken wird es angeblich als Briefbeschwerer verschenkt.  Als ich im Frühjahr 2023 mein Helios-44M mit einer Zenit EM für 39€ von privat gekauft habe, sah ich einen Händler im Internet (der auch ein Ladengeschäft betreibt), der das Helios-44M für 74.99€ angeboten hat.  Im Herbst 2023 bot der gleiche Händler das Helios-44M für 149.99€ an.

Die ersten beiden Ziffern der Seriennummer geben zumeist das Produktionsjahr an.  Es kursieren jedoch immer wieder Exemplare, bei denen die Seriennummer mit einer oder mehreren Nullen beginnt.  Darum ranken sich viele Spekulationen und Mythen, angeblich sind dies besonders hochwertige Exemplare, die irgendwelchen Parteibonzen vorbehalten waren und heute gern zu Liebhaberpreisen gehandelt werden.  Ich habe im Internet ein Exemplar gesehen, dessen Seriennummer mit 4 Nullen begann.  Es wurde für 495€ angeboten.  Gern wird behauptet, dass Exemplare mit einem „N“ vor der Seriennummer etwas besonderes sind und deshalb besonders teuer angeboten werden.  Angeblich werden mitunter MC Helios-44M-5 zu hochwertigeren MC Helios-44M-7 umgelabelt.

Bei langjährigen Altglasenthusiasten ist das Helios-44 weniger beliebt.  Es gilt als langweiliges, mittlerweile überteuertes Einstiegsobjektiv und wird mitunter scherzhaft als Spender für Schrauben und andere Teile angesehen [7 🔗].  Simon Murray hat hier [10 🔗] 5 historische Objektive aufgelistet, die trotz technisch schlechter Eigenschaften in passenden Situation beeindruckende Fotos liefern.  Darin steht das Helios-44-2 an zweiter Stelle. 

Viele Fotografen verkaufen ihre Helios-44 nachdem sie sich ein Biotar 2/58 angeschafft haben.

Das Sternfilterexperiment

Wie ich bereits bemerkt habe, ist das Helios-44 bei Einsteigern und auch bei Fotografen außerhalb der Altglasszene wegen seines „swirly bokehs“ beliebt.  Hierzu muss ich entschieden bemerken, dass das „swirly Bokeh“ in keinster Weise ein Alleinstellungsmerkmal des Helios-44 ist.  Viele meiner historischen Objektive zeigen ein „swirly bokeh“, so z.B. das Pancolar 1.8/50 (die Seite dazu kommt noch), das Pentacon 1.8/50, ganz besonders meine Yashicas und sogar das Industar 50-2.  Selbst moderne Objektive wie das Canon EF 1.2/85 produzieren im gewissen Grad ein „swirly bokeh“.

In der Altglasszene wird nun heftig darüber diskutiert, ob das „swirly Bokeh“ bei neueren Modellen des Helios-44 schwächer ausgeprägt ist als bei alten Modellen.  Der Gedanke hinter diese Meinung ist leicht erklärt: historische Objektive sind voller Chararakter und Emotion, moderne Objektive sind charakter- und emotionslose Präzisionsoptiken.  Diesen Gedanken überträgt man nun auf die gesamte Helios-44-Modellreihe.  Bei jedem Modellwechsel ist ein Stück des schönen Charakters (also des „swirly bokehs“) zugunsten optischer Verbesserungen verschwunden.  Diese These wird durch weitere Effekte befeuert.  Die meisten Nutzer erwerben ein neueres Helios-44 und wundern sich, warum das „swirly bokeh“ nicht entsteht.  Dann mutmaßen sie, dass das „swirly bokeh“ nur bei älteren Modellen auftritt.  Für die Entstehung sind jedoch mehrere Faktoren wichtig.  Die wenigsten Fotografen besitzen mehrere Modelle, um objektive Vergleiche anzustellen.

Simon Murray, ein hochangesehener britischer Sammler historischer Objektive und Betreiber des youtube-Kanals Simon’s Utak [8 🔗], wollte der Sache auf den Grund gehen und verglich verschiedene Helios-44-Modelle in einem Sternfilterexperiment [9 🔗].  Er brachte hierzu einen sternförmigen Filter vor der Frontlinse der Objektive an und fertigte präzise vergleichende Aufnahmen von einer Wand mit Lichtpunkten.  Das Experiment ist in [9 🔗] ab 9:00 beschrieben, die Ergebnisse werden ab 10:10 präsentiert.  Man kann deutlich erkennen, dass die Sternmuster in den Randbereichen bei den älteren Modellen viel stärker abgeschnitten werden als bei den neueren Modellen.  Die abgeschnittenen Bereiche werden mit jedem Modellwechsel etwas kleiner.  Somit ist klar erwiesen, dass das „swirly bokeh“ bei jedem Modellwechsel schwächer ausgeprägt ist.  Das Video [9 🔗] wird im Internet gefeiert.  In den Kommentaren wird das Experiment als „genial“ bezeichnet.  Am laufenden Band gibt es Lobhudeleien, weil das Nachlassen „swirly bokehs“ bei neueren Modellen jetzt endlich präzise, nahezu wissenschaftlich, erwiesen ist.

Leider beruhen diese Überlegungen auf einem Trugschluss und es gibt eine profane Erklärung für die Ergebnisse.  Die Gehäuse der Helios-44-Modelle wurden mit der Zeit immer kompakter gebaut.  Die Trichter vor der Frontlinse wurden immer kürzer.  Somit befindet sich der Sternfilter bei den neueren Modellen viel näher an der Frontlinse.  Folglich wird bei den neueren Modellen weniger von dem Sternmuster abgeschnitten als bei den alten Modellen.  Damit ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Simon Murray später in [9 🔗] bemerkt, dass die Unterschiede zwischen den Modellen verschwinden, sobald er den Sternfilter abnimmt.  Er war nicht in der Lage, ohne Sternfilter signifikante Unterschiede zwischen den Modellen festzustellen.

Unterschiede der Modelle

Die einzelnen Modelle unterscheiden sich stark in ihrem mechanischen Aufbau:

  • stufenlose Vorwahlblende bzw. Springblende in halben Schritten, kleinste Blendenöffnung,
  • Aluminiumgehäuse, Zebradesign bzw. schwarz lackierte Gehäuse,
  • Anzahl, Form und Material der Blendenlamellen,
  • Vergütung (Beschichtung) der Linsen, sowie
  • Größe des Trichters vor der Frontlinse.

Durch die letzten drei Punkte ergeben sich deutliche Unterschiede in den Kontrasten und der Darstellung der Farben, vor allem bei Aufnahmen im Gegenlicht.

Möglicherweise wurde die optische Konstruktion in der frühesten Anfangsphase beim Übergang von Jenaer Originalgläsern zu einheimischen Gläsern angepasst.  Ansonsten bin ich der Ansicht, dass der optische Aufbau, also Material, Form und Anordnung der Linsen, während der gesamten Modellreihe nicht verändert wurde.  Die höhere Naheinstellgrenze des Helios-44M kommt durch mechanische Probleme bei der Einführung der Springblende zustande und ist kein Indiz für eine Veränderung der Optik.  Ich habe keine vergleichenden Fotos gesehen, die Unterschiede im optischen Aufbau nachweisen.  Wenn die Russen die Optik tatsächlich weiterentwickelt hätten, dann hätten sie eher die Lichtstärke auf das in dieser Klasse international übliche Niveau von f/1.8 oder f/1.7 erhöht oder aber die Brennweite ein Stück weit zu den beliebten 50mm gesenkt.  Die Beibehaltung der wichtigen Eckdaten von 58mm Brennweite und der Lichtstärke f/2 ist ein starkes Indiz für die Beibehaltung der optischen Konstruktion während der gesamten Modellreihe.

Desweiteren bin ich der Ansicht, dass die Russen schlichtweg nicht das Know-How für eine Weiterentwicklung der Optik hatten.  Schließlich haben sie das Helios-40 1.5/85 als maßstabsgetreue Vergrößerung des Biotar 1.5/75 gebaut, und dieses, für den Portraitbereich optimierte Objektiv für ein Nachtsichtgerät zweckentfremdet.  Dies belegt deutlich die mangelnde Innovationskraft der optischen Industrie der Sowjetunion.

Meine Helios-44

Meine Erfahrungen dem Domiplan haben weiteres Interesse an historischen Objektiven geweckt. Genau zur rechten Zeit sah ich in einem Anzeigenportal für 39€ ein gut erhaltenes Helios-44M mit einer Zenit EM von 1976.  Es stammte aus dem „Красногорский механический завод“ bei Moskau, welches für eine hohe Fertigungsqualität bekannt ist.  Ich konnte das Objektiv sogar mit dem Fahrrad abholen und wenige Stunden später war es mein Eigentum.

Schließlich sah ich in einem bekannten Auktionsportal ein sehr günstiges, äußerst gut erhaltenes Helios-44-2.  Es stammte aus dem „Белорусское оптико-механическое объединение (BelOMO)“, welches ebenfalls für eine hohe Fertigungsqualität bekannt ist.  Ich hoffte damals auf optische Unterschiede und glaubte dem Sternfilterexperiment noch.  Daher habe ich sofort zugegriffen und kurz nach der Lieferung erste Probeaufnahmen gemacht.

Helios-44M Rotwein Fotograf Fotoshooting Portrait Portraitfotograf Johannstadt
Das Weinglas mit f/2 am Vollformatsensor, oben das Helios-44M, unten das Helios-44-2.  Die feinen Unterschiede kommen durch lockere M42-Adapter und geringe Unterschiede bei der Fokussierung zustande.
Helios-44-2 Rotwein Reflexion Hochzeitsfoto Hochzeitsshooting Brautkleid Fotograf Hochzeitsfotograf

Galerie zum Helios-44M

Galerie zum Helios-44-2

Vergleiche der Objektive


Die beiden Objektive zeigen starke Unterschiede bei Gegenlicht, wobei das Helios-44-2 wesentlich ästhetische Bilder macht.  Beim Helios-44M ist eine Streulichtblende sehr empfehlenswert.

Studie zum Bokeh

Ein Fallbeispiel zum Bokeh des Helios-44M am Vollformat.

Helios-44M Himbeeren Fotograf Hochzeitsfotograf  Bokeh Rochen

Fazit

Bei vielen Fotografen, insbesondere außerhalb der harten Kerns der Altglasszene, ist das Helios-44 zum absoluten Kultobjekt(iv) avanciert, was vor allem auf das anamorphe, verwirbelte Bokeh zurückzuführen ist.  Alteingesessenen Liebhabern historischer Objektive gilt das Helios-44 oft als uninteressantes, langweiliges, mittlerweile völlig überteuertes Objektiv aus qualitativ minderwertiger russischer Massenproduktion, das nicht einmal ansatzweise an das Renommee von Willy Mertés legendären Biotar 2/58 heranreicht. 

Als kreativer Mensch möchte ich dem eine dritte Meinung hinzufügen.  Für mich ist das Helios-44 ein überaus charakterstarkes, sehr interessantes Objektiv für künstlerische Fotografie.  Es verkörpert sehr gut das Prinzip von Charakter durch Imperfektion.  Zwei Aspekte möchte ich hier besonders hervorheben:  Zum einen ist das Helios-44 in meiner Sammlung das einzige historische Objektiv, welches für den Nahbereich optimiert ist.  Bei Motiven bis zu der Größe eines Blumenstraußes erreicht es bereits bei f/2 auch am APS-C-Sensor eine erstaunliche Qualität.  Zum anderen macht das Helios-44-2 herrlich ästhetische Aufnahmen bei Gegenlicht.  Aufgrund dieser Aspekte hat das Helios-44-2 einen festen Platz in meiner Fotografie.  Selbst in meiner gewerblichen Fotografie hat es eine kleine Nische gefunden.

Das Helios-44M macht m.E. recht ungünstige Aufnahmen bei Gegenlicht.  Zudem hat dessen Blende bei f/2.4 bis f/3.4 eine markante Sägeblattform.

Es bleibt anzuwarten, ob das Helios-44-2 durch das Biotar 2/58 verdrängt wird.  Mein Biotar 2/58 ist im Moment aber noch ein Sanierungsfall. 

Quellen: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 (externe Links 🔗)